Künstlersekretariat - Astrid Schoerke

Colours of Baroque

Dieses Programm mag auf den ersten Blick überraschen.
Nimmt man sich die Zeit, Stadtfelds intensive Auseinandersetzung mit der Musik des Barock und seinen Komponisten nachzuvollziehen, so ergibt sich ein roter Faden, der es schafft, die Bilder einer Ausstellung mit Barockmusik zu verknüpfen.

Programm

Scarlatti Sonate a-moll K 54
J. S. Bach Fuge d-moll BWV 565
Couperin 2 Pieces de L’art touche de clavecin
Royer Tambourin
Telemann Trompetenkonzert D-Dur TWV 51:D7, Finale
Purcell Hush no more, Dance for Chinese man and woman (aus The Fairy Queen)
Scarlatti Sonate f-moll K 466
Royer Marche des Scythes
Händel (Fälschung von Siegfried Ochs) Dank sei Dir, Herr
Händel Choral
Rameau Rappel des oiseaux, Tambourin
J. S. Bach Air BWV 1068
Marcello Oboenkonzert d-moll, Adagio
Vivaldi Violinkonzert g-moll RV 317, Finale
***Pause***
Mussorgsky Bilder einer Ausstellung
 
 
Hintergrund
 
Das Barock: Zeitalter der kulturellen Hochblüte, des musikalischen Farbreichtums!
 
Scarlattis Eleganz bezaubert, seine melancholischen Sonaten – von denen ich zwei ausgewählt habe – haben es mir besonders angetan. Dagegen die vom Himmel in die Hölle herabstürzende Fuge des jungen Bach oder die überirdische Ruhe Händels: Alle drei Komponisten sind im gleichen Jahr – 1685 – geboren. A pro pos Händel: Eine Fälschung gibt es auch in diesem Konzert: Dank sei Dir, Herr galt als herrliche Eingebung des Meisters, ist jedoch eine wunderbare Schummelei des Adepten Siegfried Ochs, der sich offenbar perfekt mit der Welt des Barock identifizieren konnte.

Telemanns innerer Friede steht in einem herrlichen Gegensatz zur Wildheit und Überdrehtheit von Pancrase Royer, dem unbekannten Komponisten des Abends. Der war Musiklehrer der Kinder Ludwigs des 15., so wie sein Vorgänger Couperin im inneren Familienzirkel des Sonnenkönigs, Ludwigs des 14. tätig war. Couperin half diese etwas versteckte Tätigkeit bei der Entfaltung seiner künstlerischen Eleganz und geistigen Sublimierung von barocker Hochkultur.

Zur gleichen Zeit entfaltet Henry Purcell in England prächtigen Glanz bei royalen Anlässen. Und zudem Momente absoluter Innerlichkeit, die den Atem anhalten lassen. Die Venezianer Marcello und Vivaldi geben der Musik Melos und Virtuosität, bringen das spielerisch-konzertierende Element in die Welt. Bach würde erst durch diese Begegnung mit einer ihm bis dahin unbekannten Facette des musikalischen Lebens zu dem werden, den wir lieben: Seine Air ist Beispiel der Auseinandersetzung mit der Leichtigkeit und Schönheit italienischer Musik.

Im zweiten Teil des Konzerts werden die Bilder einer Ausstellung Mussorgskys der bunten Farbwelt des Barock gegenübergestellt. Denn sie sind in Gestus und Spieltechniken in einem solchen Maße an französische Cembalomusik angelehnt, dass ich darauf warte, endlich den Beweis für Mussorgskys Affinität zur Urwüchsigkeit und Verspieltheit eines Jean Philipp Rameau in Händen zu halten. Selbst die Grifftechniken sind der Cembalomusik artverwandt! Die Binse von der Programmmusik, die die Pictures darstellen, liest man ja überall. Dass es sich letztlich um Studien zu barocken Gattungsprinzipien wie Choral, umspielter Choral, französische Ouvertüre, Gavotte, Rezitativ oder Tambourin handelt, hingegen nirgends. Dabei ist es in meinen Augen genau dieser Aspekt, – die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und der zugleich eigenste Tonfall – der den Zyklus so einzigartig und originell macht.

(Liszts Klaviersonate beruht auf dem barocken – insbesondere von Bach gepflegten – Prinzip der Augmentation und Diminution (Verlängerung und Verkürzung der Notenwerte) und kann somit durchaus der musikalischen Welt des Barock gegenübergestellt werden. So ist zum Beispiel das schwelgerische 2. Thema nichts anderes als das uns bereits ganz zu Anfang vorgestellte Klopfmotiv – lediglich in halber Geschwindigkeit. Die in virtuosen Skalen bevorzugte Verwendung des verminderten Septakkordes ist auch in der barocken Musik beliebtes Stilmittel, um Dramatik auszudrücken. Auch in der freien fantasieartigen Form zollt Liszt seinen barocken Vorgängern Referenz, und schafft doch ein Werk, dass diese Mittel weiterführt und ganz neue dramatische Effekte und Emotionen aus ihnen gewinnt.)

von Martin Stadtfeld

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